Sorcy-Saint-Martin 29.12.1999, von Kay Volmer

Auslandseinsatz in Frankreich nach Orkan Lothar

Nach einem Orkan, der kurz nach Weihnachten 1999 durch Frankreich wütete, waren 5 Millionen französische Haushalte ohne Strom. Die französische Regierung hat aus diesem Grund das Bundesministerium des Inneren um technische Hilfeleistung gebeten. Umgehend wurde das Technische Hilfswerk alarmiert, so auch unser Ortsverband Wanne-Eickel.

Am 29.12.1999 wurde die Helfer gegen 15.30 Uhr über die Funkalarmempfänger alarmiert. Im Ortsverband angekommen, gab es die erste Lagemeldung. Unser Ortsverband wurde mit mehreren kleinen Stromerzeugern (5 KVA), Scheinwerfern, Stativen und unserem großen Notstromerzeuger (175 KVA) in Frankreich eingesetzt. Während sich also die 9 ausgesuchten Helfer einsatzfertig machten, wurden aus den benachbarten Ortsverbänden Hattingen, Witten und Herne weitere kleine Stromerzeuger (5 KVA), Scheinwerfer und Stative mit Blaulicht und Martinshorn nach Wanne-Eickel gebracht, umgeladen und anschließend mit nach Frankreich transportiert.

Nachdem die Helfer einsatzbereit waren und auch die zusätzliche Ausstattung verstaut war, ging es mit Blaulicht und Martinshorn zur ersten Etappe, dem THW Leverkusen, wo sich THW-Helfer aus der ganzen Region zur Weiterfahrt  trafen. Von hier aus ging es mit 35 Fahrzeugen weiter in Richtung Saarbrücken und von dort nach Frankreich, in die Champagne. Angehalten wurde nur zum Fahrerwechsel und zum Tanken.

In Frankreich angekommen wurden den einzelnen Einheiten ihre Einsatzorte zugewiesen. Unser Einsatzort war die Kleinstadt Sorcy St. Martin.

Durch den starken Regen und den Orkan und dadurch umgestürzte Bäume sind die Freileitungen, die den Ort mit Strom versorgten, zerstört worden. Da fast alles unter Wasser stand, gab es nur noch eine kleine Straße, die in den Ort führte. Im Ort selber sahen wir abgedeckte Dächer und Häuser, die durch den starken Wind zusammengestürzt waren.

Am 30.12.1999 gegen 14.00 Uhr fingen unsere Helfer dann in Absprache mit dem französischen Energieversorgungsunternehmen EDF mit ihrer Arbeit an. Im Bereich der 3 Trafostationen im Ort wurden die Notstromaggregate aufgestellt und angeschlossen. Hierzu wurden zwei Aggregate mit einer Leistung von 175 KVA und ein Aggregat mit einer Leistung von 50 KVA eingesetzt.

Ein kleines Hindernis war allerdings ein Trafo, der in ca. 6 Metern Höhe an einem Betonmast hing. Doch auch dieses Problem haben wir gelöst. Gegen 18.00 Uhr kam das OK des Energieversorgers EDF, zur Einschaltung des Stroms. Alles war ordnungsgemäß angeschlossen. Langsam aber sicher erhellten sich die Wohnungen wieder mit Licht. In der Ferne war die beleuchtete Kirchturmuhr zu sehen.

Seit unsere Abfahrt am 29.12.1999 waren wir noch nicht darüber informiert, wo wir eine Unterkunft und Verpflegung finden sollten. Gegen 19.00 Uhr bekamen wir jedoch die positive Nachricht, daß wir in einer Kaserne in Foug unterkommen würden. Nachdem die meisten Helfer also endlich etwas zu essen bekamen und duschen konnten, fielen alle nur noch erschöpft ins Bett. Alle? Nicht alle! Immerhin mußte noch eine Nachtwache für die Aggregate gestellt werden, die für den Betrieb der  Aggregate, deren Beaufsichtigung und Betankung verantwortlich war. Für diesen zu dieser Zeit sehr undankbaren Job stellten sich aber doch noch 2 Helfer freiwillig zur Verfügung, die dann nach ihrer Ablösung am 31.12.1999 um 9.00 Uhr nach einer ordentlichen Dusche auch endlich ihre wohlverdiente Ruhepause bekamen. 52 Stunden im Einsatz ohne Schlaf zehren trotz einer Menge Kaffee doch recht ordentlich an einem.

Die Freude der französischen Bevölkerung über die von uns gelieferte elektrische Energie hielt sich kaum in Grenzen. Wir wurden reichlich mit Milch, Obst, Brot, Gebäck und natürlich auch mit Champagner (immerhin waren wir ja auch in der Champagne) beschenkt. Der Champagner wurde allerdings gesammelt und erst zu Hause unter den Helfern verteilt, da Alkohol im Dienst verboten ist.

Die Stimmung unter den Helfern wurde allerdings schlechter, als uns zum erstenmal bewußt wurde, daß wir den Jahrtausendwechsel fern von Frau, Freundin, Kind, Familie und der Heimat in Kälte und Regen verbringen mußten. Nachdem wir mit Kaffee und Mineralwasser auf unserem LKW-Parkplatz auf das neue Jahrtausend angestoßen hatten, kamen die Leute einer Großfamilie von gegenüber und luden uns ein, gemeinsam mit ihnen zu feiern. An diesem Abend erlebten wir eine herzliche und offene Gastfreundschaft.

Der Jahreswechsel brachte auch eine Menge Arbeit mit sich. Der Energieversorger EDF bat uns um Hilfe bei der Reparatur der Freileitungen. Natürlich waren wir sofort mit Helfern und Material dabei. Feldwege wurden wieder befahrbar gemacht, umgestürzte Bäume beseitigt und zur Seite geräumt und Hochspannungsleitungen wieder instandgesetzt. Allerdings war das alles nicht so einfach, da das ganze Gelände knietief unter Wasser stand, so daß sich drei unserer LKW im Schlamm vergruben. Zum Glück hatten wir genug Material dabei, um uns selber wieder aus dem Schlamm zu helfen. Mittels Querriegel, Greifzug und loser Rolle bekamen wir die Fahrzeuge wieder frei.

Ein Fahrzeug allerdings ließ sich wegen eines technischen Defektes im Sperrdifferential nicht mehr befreien. Hier konnte nur noch der Bauer eines naheliegenden Hofes mit seinem Traktor und einer Kette helfen, der unseren LKW aus dem tiefen Schlamm zog.

Noch am selben Abend, dem 02.01.2000 war die Freileitung für den Ort Sorcy St. Martin repariert, der Strom konnte wieder eingeschaltet werden. Zu diesem Zeitpunkt konnten wir unsere Notstromaggregate wieder abbauen.

Am 03.01.2000 gegen 9.00 Uhr machten wir uns wieder auf den Heimweg.

Bei einem taktischen Halt zum Essen und Tanken kamen wir alle zu dem gleichen Ergebnis: Nach den ganzen körperlichen und nervlichen Strapazen waren wir froh, wieder auf dem Heimweg zu sein. Natürlich waren wir stolz auf die Leistung, die wir erbracht haben, da wir jede der uns gestellten Aufgaben auch lösen konnten. Es ist sehr aufbauend zu spüren, das man mit recht einfachen Mitteln einer tristen und grauen Kleinstadt zu einem Lachen verhelfen kann. Wir haben der Bevölkerung etwas wieder zurückgegeben, was für uns alle selbstverständlich ist - elektrische Energie.

Die Freundlichkeit und Gastfreundschaft der dankbaren französischen Landbevölkerung wird uns immer in guter Erinnerung bleiben und entlohnt uns für das Fernbleiben von unseren Familien und Freunden in der Sylvesternacht.

Ein älterer Herr brachte uns am Neujahrsmorgen eine Packung Gebäck und erklärte uns, er sei von 1943 - 1945 in deutscher Gefangenschaft gewesen und wollte nie wieder ein deutsches Wort sprechen. Als er uns in gebrochenem Deutsch ein frohes und gesundes neues Jahr wünschte wurde uns klar, wie tief ergriffen die Menschen von der schnellen und unbürokratischen Hilfe des THW waren.

Die Helfer des Technischen Hilfswerk versehen ihren Dienst ehrenamtlich. Auch Einsätze im Ausland gehören neben ihren zahlreichen Aufgaben im Inland zu ihren Aufgaben.



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